Angst vor der Euro-Krise: Immer mehr Menschen kaufen Häuser

Banken in MV verzeichnen im Immobiliengeschäft Zuwächse von bis zu 30 Prozent. Trotz niedriger Zinsen raten Verbraucherschützer zu Vorsicht.

 

Rostock (OZ) - Immobilien-Kaufrausch in MV: Aus Angst vor der Euro-Krise und wegen äußerst niedriger Hypothekenzinsen investieren immer mehr Menschen ihr Geld in Wohneigentum. „Viele Bauwillige wollen die Gunst der Stunde nutzen und sich das günstige Baugeld sichern“, sagt Katrin Stüdemann, Pressesprecherin von Mecklenburg-Vorpommerns größtem Kreditinstitut, der Ostseesparkasse (Ospa) Rostock. Die rechnet in diesem Jahr im Immobiliengeschäft mit einem Zuwachs von 25 bis 30 Prozent und peilt ein Kreditvolumen von 125 Millionen Euro an. Auch die Pommersche Volksbank in Stralsund hat in den ersten neun Monaten des Jahres im Vergleich zu 2011 einen zehnprozentigen Anstieg bei der Höhe der Gesamtkredite verzeichnet.

Grund für die steigende Nachfrage: Baugeld ist derzeit so billig wie nie. Die Hypothekenzinsen in MV liegen zurzeit auf einem Rekordtief von unter drei Prozent — bei einer Laufzeit über zehn Jahre.

Auch die Angst vor einer Euro- und Schuldenkrise trägt zum Ansturm auf den Immobilienmarkt bei. „Eine gewisse Verunsicherung ist bei den Kunden spürbar“, so der Vorstandschef der Pommerschen Volksbank, Holger Scheew. Viele Kreditnehmer seien aber nicht nur an den niedrigen Bauzinsen interessiert, sondern suchen nach krisenbeständigen, sachwertorientierten Anlageformen für ihr Erspartes.

Zumal in ländlichen Regionen die Immobilienpreise „moderat“ seien. „Der Preisanstieg für Wohneigentum gilt für größere Städte und direkt an der Küste, nicht für die Region Grimmen“, sagt Scheew. Dort seien die Preise seit Jahren stabil.

Dass Immobilien in Städten besonders gefragt sind, bestätigt Ospa-Sprecherin Katrin Stüdemann: Im Großraum Rostock könne die Nachfrage kaum gedeckt werden. Wer ein Haus veräußern will, finde häufig innerhalb weniger Tage bereits einen Käufer.

„Natürlich ist es für junge Leute verlockend, statt ihrer Miete nur 250 Euro Kreditrate zu bezahlen“, sagt Axel Drückler von der Neuen Verbraucherzentrale in Schwerin. Trotzdem rät er zur Vorsicht.

„Paare ohne Eigenkapital und mit geringem Einkommen weisen wir deutlich darauf hin, dass trotz der niedrigen Zinsen die finanzielle Belastung für ihr Familienbudget langfristig kaum zu stemmen ist“, meint Drückler. Verlockende Zinsangebote könnten sich sogar ins Gegenteil verkehren. Bei einem Tilgungsanteil von einem Prozent sei die kurze Zinsbindung, also unter zehn Jahre, problematisch.

„Dadurch verschiebt sich die Belastung in die Zukunft, das müssen junge Leute im Blick haben“, betont er. Ein Trend, dass das günstige Zinsniveau in MV zu riskanteren Immobilienfinanzierungen führen könnte, ist für Drückler aber nicht erkennbar.

Bundesweit sieht die Politik im Ansturm auf den Immobilienmarkt jedoch offenbar eine Gefahr. Zur Vermeidung von Immobilienblasen soll in Europa eine Obergrenze von 80 Prozent für die Beleihung der Immobilie festgelegt werden. In den USA hatte sich 2008 eine Hypothekenkrise zur Banken- und Finanzkrise ausgeweitet.

„80 Prozent Beleihung, 20 Prozent Eigenkapital — das ist eine goldene Regel im Finanzierungsgeschäft, die wird bei uns seit Jahren befolgt“, sagt Katrin Stüdemann. Auch die Pommersche Volksbank weiche nur in Ausnahmefällen davon ab, unterstreicht Banker Scheew. Seite 2

Elke Ehlers

 

Ostsee-Zeitung | Mantel, Titel

04.10.2012