Noch 1200 freie Ausbildungsplätze

Vor allem Kochlehrlinge fehlen im Agenturbezirk. Konkurrenzkampf der Unternehmen. Erste Azubis starteten.

Die künftigen Bankkaufleute Vivien Recker (19), Philipp Bieck (19) und Wiebke Breier (18, v. l.) starteten gestern bei der Pommerschen Volksbank in Stralsund in ihre berufliche Zukunft.

Stralsund (OZ) - Um nichts in der Welt würde Michael Jordan (38) seinen Beruf gegen einen anderen tauschen wollen. Der Mann, der den gleichen Namen trägt wie Amerikas Basketball-Legende, ist Chefkoch im „Goldenen Löwen“ am Alten Markt. „Für mich ein Traumjob“, sagt der gebürtige Stralsunder, der mit 18 Jahren in die Welt zog, unter anderem in Spanien arbeitete und sich überall weiterqualifizierte.

Dass es im Bereich der Arbeitsagentur Stralsund noch insgesamt 178 unbesetzte Lehrstellen bei Köchen gibt — und damit die Höchstzahl unter allen Ausbildungsrichtungen — überrascht Jordan. „Vielleicht scheuen viele die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Ich kann es nicht verstehen, das ist so ein toller Beruf.“

Während gestern in einigen Branchen bereits der Startschuss für die neuen Lehrlinge erfolgte, sieht es auf dem Ausbildungsmarkt der Region nicht rosig aus. Viele Betriebe werden vergebens auf Nachwuchs warten.

„Derzeit sind noch 1218 Ausbildungsstellen unbesetzt“, sagt Jürgen Radloff, Geschäftsführer der Arbeitsagentur. „121 mehr als im Juli vergangenen Jahres.“ Große Sorgenfalten bei den Unternehmen sind vorprogrammiert. Nur noch 469 Mädchen und Jungen in der Region suchen eine Lehrstelle. Im Klartext: Zum Ende des Berichtsjahres im September werden weit über 700 Stellen offen bleiben.

Für Radloff steht fest: „Die Lage wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Zwar rechnen wir mit einem leichten Anstieg der Schulabgänger, aber Zahlen, wie es sie vor vier oder fünf Jahren noch gab, sind in absehbarer Zeit utopisch.“

Bei der Nachwuchs- suche halten wir an unserem Grundsatz fest: Qualität vor Quantität.“

Holger Scheew, Vorstand Volksbank

 

Foto: Wenke Büssow-Krämer

Auch die Pommersche Volksbank hat in den vergangenen Jahren die geburtenschwachen Jahrgänge zu spüren bekommen. Die ansteigende Quote der Abiturienten, die gleich in ein Studium starten, erschwert ebenfalls die Besetzung der Ausbildungsplätze.

Sechs Stellen wollte die Volksbank in diesem Jahr wieder besetzen. Von fünf Zusagen haben nun letztendlich drei junge Leute ihren Weg ins Berufsleben begonnen. Die Abiturienten Wiebke Breier (18) und Vivien Recker (19) aus Grimmen sowie Philipp Bieck (19) aus Trent starten bei der Volksbank in ihren Traumberuf.

„Ich habe im Praktikum in der Filiale auf Rügen gemerkt, dass mir das Bankwesen doch sehr liegt“, bekennt Philipp Bieck. Er nutzte die Winterferien dazu, seinen Berufswunsch zu prüfen.

Nach einer gemeinsamen Einführungswoche in Stralsund werden die Neuen künftig im Bereich Stralsund/Grimmen, Ribnitz und Rügen eingesetzt werden. Dabei stehen die Ausbilder Sylke Broß, Jens Hauschild und Christoph Lietzau den künftigen Bankkaufleuten jederzeit zur Seite.

Nach erfolgreichem Abschluss steht einer Zukunft bei der Volksbank nichts im Wege. „In den letzten Jahren haben wir unseren Absolventen immer einen Anstellungsvertrag angeboten“, unterstreicht Holger Scheew. Denn hier wird besonders Wert darauf gelegt, sich den eigenen Nachwuchs auszubilden. Daher wolle man die ungenutzten Ausbildungsplätze nun auch nicht mit Macht nachbesetzen. „An unserem Grundsatz ,Qualität statt Quantität‘ wollen wir auch weiterhin festhalten“, begründet das Vorstandsmitglied.

Bei der Sparkasse Vorpommern begannen am Mittwoch zwölf junge Frauen und Männer ihre Ausbildung. Für sie geht es los mit einer so genannten Newcomer-Rallye, bei der sie das nötige Rüstzeug für die dreijährige Ausbildung erhalten. Damit lernen dort jetzt 32 Jugendliche den Beruf eines Bankkaufmanns.

„Gute Zeiten für Bewerber, schlechte für Unternehmen“, umreißt Jürgen Radloff die Gesamtsituation. „Letztlich stehen die Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern in einem Konkurrenzkampf um die künftigen Fachkräfte. Und das nicht nur innerhalb unseres Bundeslandes. Denn gerade gute Schulabgänger schauen genau auf die Ausbildungsbedingungen“, so der Chef der Arbeitsagentur. Im Prinzip sehe es so aus:

„Wer die attraktivsten Angebote hat, der gewinnt.“

Andreas Lindenberg und Wenke Büssow-Krämer

 

Ostsee-Zeitung | Ausgabe Stralsund

02.08.2012